Forst Film in Diagonale05 - Filmfestival in Graz … die alten Bilder zerstören …

Forst Film
Ascan Breuer, Ursula Hansbauer, Wolfgang Konrad
in Zusammenarbeit mit
Philipp Haupt, Julia Lazarus, Ben Pointeker
in Partnerschaft mit
The Voice – Refugee Forum, Women in Exile, Caravan for the
Rights of Migrants and Refugees
Verleih sixpackfilm

… die alten Bilder zerstören …

von Araba Evelyn Johnston-Arthur

„Die Regierung bezeichnet uns als ‚Clandestins’, als ‚Illegale’. Damit werden wir von vornherein für schuldig erklärt, und ein ganzes Arsenal von juristischen und technischen Mitteln kann bei Bedarf gegen uns aufgefahren werden. (…) Wir haben von Anfang an den Begriff ‚Illegale’ abgelehnt und dagegengehalten, dass wir Frauen, Männer und Kinder sind und gefälligst auch als solche gesehen werden wollen. Im Begriff ‚Illegale’ schwingt eine negative Bedeutung mit, die Konnotation des Paria, ja des Parasiten. Illegale, das sind Unsichtbare, die sich verstecken, die wahrscheinlich etwas ausgefressen haben und womöglich gefährlich werden könnten. Aber jetzt sind wir da, gut sichtbar, und wir wollen es bleiben! Das wird man beachten müssen. Wir müssen die alten Bilder zerstören.“1

In Zusammenarbeit mit dem „The VOICE - Refugee Forum Jena“ nimmt der Film Forsteine filmische Auseinandersetzung mit ebendieser, von der langjährigen Sprecherin der Organisation „Sans Papiers“, Madjiguène Cissé, beschriebenen strukturellen Gewalt vor, die europaweit Existenzen illegalisiert und Rechtlo-sigkeit konstruiert.

Die Frage nach der eigenen Filmsprache

Angesichts der Festung Europa, der Normalisierung ihrer repressiven Strukturen und dem damit verbundenen Imagere-gime der „Illegalen“ als bedrohliche oder im besten Falle bemit-leidenswerte Objekte scheint für Forstdie Frage nach der eige-nen Filmsprache absolut zentral zu sein, die diese Repräsentati- onsstruktur der „alten Bilder“, wie Cissé es ausdrückt, durch-bricht. Die Auseinandersetzung mit Film als soziale Praxis der Bedeutungsproduktion im Zusammenhang mit der Frage nach einer Filmsprache, die es überhaupt vermag, derartig normali-sierte und tief verankerte repressive Strukturen sichtbar zu machen, steht hier also im Vordergrund.

Dabei bewegt sich Forstim Spannungsfeld zwischen der filmi-schen Vermittlung von erkämpfter politischer Subjektivität und der Visualisierung herrschender Strukturen. Die im Eingangszi-tat von Madjiguène Cissé eingenommene Position der Artikula-tion des „Wir“ entspringt der autonomen Widerstandsbewegung der „Sans Papiers “in Frankreich. In dieser erkämpften Spre-cherInnenposition spiegeln sich zentrale Prozesse des Sich-poli-tisch- Sichtbarmachens wider. Ein Akt des Sprechens, der das Paradigma der „Illegalen“ als sprachlos gemachte, entrechtete Objekte dekonstruiert und durchbricht. Dies bringt uns auch wieder zum erwähnten Spannungsfeld zurück, in dem sich die filmische Auseinandersetzung von Forstbewegt. In diesem Zusammenhang wirft sich auch die folgende Frage auf: Welche Filmsprache vermag die vor dem Hintergrund struktureller Gewalt erkämpfte politische Subjektivität filmisch zu vermit-teln?

Der mächtige Blick
Forstwählt eine „Unheimlichkeit“ erzeugende Bildsprache. Ein scheinbar mit Nachtsichtkamera gefilmter Wald dient der Visua-lisierung der strukturellen Dimensionen der Gewalt der Illegali-sierung. Die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder erinnern an Zei-tungsfotos. Forst beginnt mit einer Autofahrt, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Dabei fahren die ZuschauerInnen nicht mit, sondern beobachten die Fahrt des Autos durch den Wald aus einer vogelperspektivischen Distanz.

Forstvermag es, sich filmisch tief greifend mit der Struktur des mächtigen Blickes selbst auseinander zu setzen. Es ist der Blick der nicht-illegalisierten und in diesem Sinne privilegierten Mehrheit. Dadurch wird die mit diesem Blick verknüpfte, ganz selbstverständliche Machtposition explizit gemacht. Der mäch-tige Blick nimmt eine überwachende, distanziert beobachtende Perspektive ein. Die auf diesem Weg visualierte Macht und die damit verbundene Bedrohlichkeit ebendieses Blickes positionie-ren die ZuschauerInnen im Kontext hegemonialer Macht- und Ohnmachtverhältnisse.2 Diese Praxis der filmischen Bedeu-tungsproduktion stellt letztlich die Objektivität des mächtigen, „normalen“ Blickes in Frage. Indem Unsichtbarkeiten strukturel-ler Gewalt auf vielfältige Weise sichtbar gemacht werden, wird die Normalisierung von absoluter Entrechtung grundlegend in Frage gestellt.

Anfangs beobachten die ZuschauerInnen die Fahrt des Autos durch die Waldkulisse in eisiger Stille, währenddessen die Erzählung einer lautlosen Stimme durch eingeblendete Unterti-tel lesbar gemacht wird. Zwischen der bildlich, durch nüchterne Distanz vermittelten Normalität der Autofahrt und der lesbaren subjektiven Beschreibung dieser Autofahrt als Gewaltakt baut sich ein spannungsgeladener Kontrast auf.
Als ZuschauerInnen nähert sich uns der Wald langsam. In inner-halb des Waldes erkämpften Räumen positionieren AktivistIn-nen von „The Voice“ ihre unterschiedlichen Perspektiven, erzäh-len immer vor dem Hintergrund der visualisierten, gegen sie gerichteten strukturellen Gewalt, dennoch nicht als monolithi-sche Einheitsmasse entrechteter Objekte. Als politische Sub-jekte und AkteurInnen im Kampf für ihre Rechte bleiben sie dennoch in gewisser Weise unsichtbar.
In Forst sind es ausschließlich „The Voices“ , die Stimmen von Aktivisten und Aktivistinnen, die SprecherInnenpositionen ein-nehmen. Die ZuschauerInnen hören dabei zu, können und dür-fen nicht sehen. Ihr mächtiger Blick bleibt so in seiner gesell-schaftlichen Machtposition statisch, bleibt für die sprechenden politischen Subjekte bedrohlich.
Als Konsequenz dieser Machtverhältnisse muss sich diesem Blick die Bildebene der Voices entziehen. Die ZuschauerInnen sehen nicht, wer spricht. In oft abstrahierten Bildern werden erkämpfte Räume innerhalb eines „Waldsystems“ visualisiert.
Gestalten bewegen sich umsichtig in diesem „System“, behaup-ten sich hier, befestigen Plakate auf Bäumen, besprechen sich. Forststellt mit seiner gewählten Filmsprache tradierte Seh- und Darstellungstraditionen in Frage. Entgegen den herrschenden viktimisierenden Bildercodes werden die ZuschauerInnen nicht mit Bildern von „betroffenen Gesichtern“ gefüttert, die an ihre Empathie appellieren.

Spannungsfelder

Forstfokussiert seine filmische Auseinandersetzung in eindring-licher Konsequenz auf strukturelle Dimensionen von Gewalt.
Das Spannungsfeld zwischen dem Sichtbarmachen repressiver Strukturen und der visualisierten Unsichtbarkeit der politischen Subjekte des Widerstands bleibt dennoch bestehen und wirft Fragen hinsichtlich der hier gewählten und der noch zu entwi-ckelnden Filmsprachen auf. Einerseits werden „alte Bilder zer-stört“und die tief greifenden Dimensionen der Illegalisierung von Existenzen visualisiert, andererseits wird aber gleichzeitig die von Madjiguène Cissé dargelegte Dimension der „Unsicht-barkeit der im Wald Versteckten“ reproduziert.

1 Cissé, Madjiguène (2002): Papiere für Alle. Die Bewegung der Sans Papiersin
Frankreich. Berlin, S.73 f.
2 Machold, Abi-Sara: Repräsentation ist niemals unschuldig! Videostatement in:
Here to stay! Weblog der DIAGONALE 2005: www.diagonale.at/dialog

Araba Evelyn Johnston-Arthur, Mitbegründerin von Pamoja.Bewegung der jungen afrikanischen Diaspora in Österreich, Aktivistin der black comunity in Wien, Betriebsrätin der Initiative Minderheiten, arbeitet zu Repräsentationspolitik, Schwarzer Befreiungstheorie und-Praxis, Geschichte und Gegenwart der afrikanischen Diaspora mit Schwer-punkt Österreich, institutionalisierten Rassismus und Antirassismus. Mitglied der Programmkommission der DIAGONALE 2005.

Flucht aus Forst nach vorn

Eine Interview-Montage von Ascan Breuer

Flüchtlinge werden in der politischen Philosophie gerne als die „Avantgarde der Völker“ und als Prototypus des „revolutionären Subjekts“ glorifiziert. Tatsächlich stellen sie zuallererst das „nackte Leben“ selbst dar, das jenseits jeden Rechts steht. Sie bilden so die unterste, ohnmächtigste Schicht des gesellschaft-lichen Gefüges ...

Im Gegensatz zum österreichischen Flüchtlingswesen, in dem viele (system)chaotisch in die Obdachlosigkeit getrieben wer-den, ist es dem deutschen zu eigen, durch komplexe gesetz-liche Regelungen in Form von weit reichenden Dienstleistungen einen fast vollständigen gesellschaftlichen Ausschluss herbeizu-führen, der eine totale Kontrolle gewährleistet. Kernstück ist die so genannte „Residenzpflicht“, die eine zwangsweise, zumeist jahrelang währende Aufenthaltspflicht in oft abgelegenen Mas-senunterkünften vorsieht und die Bewegungsfreiheit auf enge Grenzen beschränkt. Übertretungen werden mit hohen Geld-strafen oder sogar Haft geahndet.

Der Prozess einer Selbstermächtigung wird damit systematisch verunmöglicht – und findet doch statt. Im Zuge der Dreharbei-ten zum Film Forstwurden zahlreiche Gespräche und Diskus-sionen mit Flüchtlingsgruppen geführt und dokumentiert, in denen Widerstandskonzepte unter diesen widrigen Bedingungen erörtert wurden. Diese Interviews bilden die Basis für die Narra-tion von Forst. Die folgende Interview-Montage ist aus Auszü-gen dieser Gespräche zusammengesetzt.

VALENTIN: Ich habe mit der alten Irakerin gesprochen und sie eingeladen. Aber sie wollte nicht kommen. Sie ist völlig gebro-chen.
Gerade sie, die die Courage hatte, gegen Saddam Wider-stand zu leisten, deren Sohn im Gefängnis saß, sie hat jetzt Angst zu unserem Treffen zu kommen. Das allein zeigt doch, dass wir hier in einem unterdrückenden System stecken, das vielleicht noch weit effektiver arbeitet als jede offene Gewalt-herrschaft.
Dort kann man bewusst Widerstand leisten, hier dagegen werden wir auf eine unbewusste Art gebrochen. Hier sind wir theoretisch nicht eingekerkert, doch praktisch sind wir es. Wir sind in die Natur ausgesperrt. Um uns herum ist nur Wald, endloser Wald. Es ist ja ein Unterschied, ob ich hier in die Natur gehe, um mich zu entspannen, um Ruhe oder Romantik zu finden, oder ob ich hier unwiderruflich ausgesperrt bin. Sie wollen uns damit psychisch töten. Das ist der Sinn der Sache.
Sie sperren uns hier aus und spielen mit uns dieses lustige Spiel: Wenn wir gute Flüchtlinge sind, wir uns ruhig verhalten und hier diese psychische Folter der Isolation ertragen, dann haben wir Aussicht auf Asyl – irgendwann. Die Wahrheit ist, dass sie es uns nie gewähren und höchstens mit Deportation belohnen werden. Und sollten wir hier jemals herauskommen, werden wir bis dahin gebrochene Existenzen sein und dürfen uns in die unterste Klasse der Gesellschaft einreihen ...

CHALID: Sie sagen, dass wir warten sollen. Aber es gibt hier viele Leute, die bereits seit drei Jahren warten. Einige sogar seit fünf Jahren. Sie sperren uns hier in ein Gefängnis – ja, dies ist ein Gefängnis, auch wenn sie es nicht so nennen –, ohne dass wir uns etwas zu Schulden kommen haben lassen. Das einzige Verbrechen, das sie uns anhängen wollen, ist unsere Flucht selbst. Das ist absurd. Wir werden bestraft, aber es gibt für mich nichts zu bereuen. Und das macht mich wahnsinnig, weil es so sinnlos ist. Ich soll nur essen, trinken, schlafen, essen, trinken, schlafen und warten, jahrelang warten. Und dankbar dafür sein. Ich bin zwar vor meinen Problemen geflohen, vor politischen Problemen, und ich habe mir eine Auszeit von mei-nen Problemen erhofft, aber dass ich hier völlig kaltgestellt werde, habe ich nicht erwartet. Und sie bezeichnen das als „humanitäre Hilfe“. Ich bin erstaunt. Wirklich erstaunt.

MARTHA: Vielleicht denken sie, dass wir froh über unsere Situation hier sein dürfen. Aber wo ich herkomme, dort war ich gewohnt, mich frei zu bewegen. Okay, sie haben uns zwar das Demonstrieren verboten und sie haben uns politisch verfolgt, aber die Kontrolle und Unterdrückung war nie so total. Sie ist total, obwohl oder gerade weil sie so diffus ist.

BETHI: Jedem kann hier jeden Moment die Deportation blühen! Sie wollen uns ständig im Auge behalten, um uns jederzeit für mögliche Deportationen verfügbar zu halten. Wir können hier zwar raus, aber an allen Bahnhöfen lauert Polizei, die uns stän-dig kontrolliert und uns wieder hierher schickt. Nennen wir es ein „offenes Gefängnis“ ...

VALENTIN: Und hinterher schicken sie uns eine Rechnung für die Rückfahrkarte – und obendrauf ein Strafverfahren wegen des Übertretens unsichtbarer Grenzen. Ab und an kommt die Polizei auch hier in den Forst, um irgendwen irgendwohin abzu-transportieren

CONSTANZE: Die Irakerin ist nicht die Einzige, die Angst hat, ihre Probleme zu artikulieren. Der Forst traumatisiert uns alle. Die Leute hier sind großteils psychische Wracks, sind in die innere Immigration gegangen. Einige sprechen mit sich selbst. Ich selbst schlafe eigentlich nur 24 Stunden durch. Und der Grund ist, dass wir keine Rechte haben. Wir müssen willenlos erdulden. Sogar das Sprechen ist uns untersagt. Ich erinnere mich an diese Anhörungen, in denen wir uns für unsere Flucht rechtfertigen mussten. In Wirklichkeit haben sie sich gar nicht für meine Fluchtmotive interessiert. Ich erzähle ihnen von dem Trauma meines Lebens, während sie untereinander flüstern, Witze machen und dabei Äpfel essen, um mich dann mittendrin abzubrechen und kommentarlos aus dem Raum zu weisen. Ich bin mir sicher, dass der einzige Grund für unsere Isolation hier derjenige ist, dass sie uns hier behandeln können, wie es ihnen passt. Niemand dort draußen wird davon erfahren ... Sie wollen uns hier schlicht zerstören!

VALENTIN: Wie den Jungen, der Glassplitter gegessen hat. Er hat wirklich Glas gegessen! Und sie haben es nicht für nötig gehalten, ihn einer psychiatrischen Untersuchung zu unterzie-hen. Und andererseits sind sie gerade dabei, Psychologen anzu-werben, die speziell darauf trainiert sind, psychischen Druck auf uns auszuüben, um uns zur Rückkehr zu bewegen.

BETHI: Sie wollen einfach unsere Moral brechen. Sie wollen sie abtöten. Es gibt ununterbrochen Querelen unter uns, unter Freunden, zwischen verschiedenen Nationalitäten … Die meis-ten sind depressiv und aggressiv zugleich. Viele sind drogenab-hängig. Sie degradieren uns zu menschlichem Müll. Ich fühle mich zumindest nicht mehr als Mensch. Ein Mensch lebt nicht nur von Schlafen und Essen allein.

CONSTANZE: Aber warum schlafen wir ständig. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir ihr Spiel mitspielen. Ich kümmere mich einfach nicht mehr darum, was sie wollen. Ich tue, was ich will. Es ist vielleicht sogar besser, wenn sie Angst vor uns haben, als andersherum. Es ist besser, stark zu sein. Stark zu sein ist nicht nur ein gutes Gefühl, es ist die einzige Möglichkeit, in die-ser Gesellschaft zu überleben. Sie müssen erfahren, dass wir das nicht einfach hinnehmen werden. Wir brauchen den Mut und die Courage, die Angst vor ihnen zu besiegen. Es ist höchste Zeit, dass wir zu brüllen anfangen und die Öffentlich-keit über unsere Probleme in Kenntnis setzen. Das ist die ein-zige Möglichkeit, gegen unsere Unterdrückung zu kämpfen. Wir müssen in die Städte gehen und Lärm machen.

CHALID: Zu uns in den Wald kommt ohnehin kein Mensch. Und wenn jemand zu Besuch kommt, schicken sie ihn entweder gleich wieder weg oder sie behandeln ihn dermaßen misstrau-isch und feindselig, dass er nie mehr wiederkommt.

VALENTIN: Das Problem ist nur: Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für unsere Sicht. Die Presse hat ihren Job in dieser Hinsicht gut gemacht, indem sie dieses eigenartige Bild von uns gezeichnet hat: wir als potenzielle Kriminelle, die Europa und seine sozialen Systeme „überschwemmen“ wollen. Für mich trägt das Ganze gewisse faschistoide Züge: Wenn du jemanden beseitigen willst, gib ihm einen schlechten Ruf.

CHALID: Wenn wir schweigen, werden sie weitermachen. Und wenn wir aufmucken, werden sie ihre Repressionen vielleicht noch ausweiten. Auf Einsicht werden wir nicht hoffen können.

CONSTANZE: Es ist ein zweischneidiges Schwert: Wir können unsere Isolation nur brechen, indem wir uns organisieren und in ganz Europa publik machen, was hier geschieht. Und wir müs-sen die anderen Flüchtlinge darüber in Kenntnis setzen, dass es Leute wie uns gibt. Andererseits werden wir es nie schaffen, die Verantwortlichen und die Meinungsführer davon abzubrin-gen, uns derart zu behandeln, denn ich bin mir sicher, dass sie es tun, weil sie uns hassen.

VALENTIN: Ich denke, dass die Leute, die in dieses System ein-gebunden sind, ich meine die Sozialarbeiter und die Sicher-heitsleute, sich nicht im Klaren darüber sind, was genau der Sinn ihres Jobs ist. Sie denken vielleicht tatsächlich, dass sie uns helfen. Wir müssen ihnen klar machen, dass der einzige Sinn ihrer Arbeit ist, uns zu unterdrücken und von der Gesell-schaft fern zu halten. Das mag in ihren Ohren verrückt klingen, aber genau so ist es. Wir dürfen ihnen nicht mehr die

Gelegen-heit geben, sich hinter ihren Gesetzen zu verstecken, so wie sie es ständig tun: „Das Gesetz sagt dies, das Gesetz sagt jenes.“

SONNY: Der Grund für diese zahllosen Gesetze ist, dass sie Angst vor uns haben. Sie haben Angst, dass wir uns organisie-ren und Widerstand leisten. Sie isolieren uns ja nicht nur von der Gesellschaft, sondern sie versuchen ja auch den Kontakt unter uns Flüchtlingen zu unterbinden. Das ist ja der Haupt-aspekt des Sprechverbotes. Doch wenn wir uns einig sind, repräsentieren wir eine große Macht, die für sich sprechen kann und durch die wir dem System nicht mehr schutzlos aus-geliefert sind.

BETHI: Sie werden dem nicht tatenlos zuschauen. Sie sind gezwungen darauf zu reagieren. Sie versuchen uns einzuschüchtern. Als sie merkten, dass ich aktiv werde, haben sie angefangen, mir Pro-bleme zu bereiten. Sie fingen an, mich auszufragen und mir mit eigenartigen Argumenten Genehmigungen zu verweigern. Und alle Behörden scheinen dabei in einer Art Verschwörung zusam-menzuarbeiten.
Auf versteckte Weise versuchen sie sogar, die anderen Flüchtlinge von mir fern zu halten. Und sie schicken mir diese Briefe in blauen Umschlägen. Jeder sieht das und jeder weiß, dass sie von der Regierung kommen – was kein gutes Zeichen ist.

CHALID: Die Repression passiert – wie die Kontrolle – fast nie auf direktem Weg. Wenn sie das Gefühl haben, dass man Teil einer Verschwörung gegen sie sein könnte, schicken sie einen in ein anderes „Heim“, das noch tiefer im „Busch“ liegt – oder in Gegenden mit einer starken, gewalttätigen Rechten. Sie haben ein Lager-Ranking und die schlimmsten sind für die Schwererziehbaren reserviert – für die „Schwerkriminellen“. Blaue Briefe sind ein Zeichen dafür, dass es bald so weit sein könnte.

CONSTANZE: Mich haben sie in ihr Büro gerufen und eindring-lich darauf hingewiesen, dass es keine gute Idee sei, mich zu organisieren. Sie haben mir gedroht, dass es eher nur meiner Deportation förderlich sei. Und ich weiß, dass es problematisch werden könnte, dass es mir selbst vielleicht gar nicht helfen wird. Aber es geht auch um etwas Größeres, Weitreichenderes. Wenn es mir nichts bringt, dann vielleicht anderen.

BETHI: Wenn wir hier im Forst bleiben, wird das überhaupt nichts ändern. Aber vielleicht können wir die Dinge für jene ändern, die später kommen. Wir müssen dieses Risiko einge-hen.

MARTHA: Schließlich sind wir als Politiker, als politische Aktivis-ten gekommen. Und die meisten von uns sind gut ausgebildet. Warum also Zeit verschwenden?

BETHI: Wenn uns hier schon alles verboten ist, so ist es ja wenigstens erlaubt zu demonstrieren. Wir müssen uns hier in Europa in die Politik einmischen. Viele von uns wissen ja gar nicht, dass wir das dürfen.

CHALID: Das ist ja auch der Sinn der Isolation: Wir sollen dumm gehalten werden. Wir kennen unsere Verbote, aber wir wissen nichts über unsere Rechte.

VALENTIN: Auf der anderen Seite ist dies auch die Möglichkeit, sich wieder lebendig zu fühlen. Der Kampf wird wieder Teil mei-nes Lebens. Das ist eine neue, alte Lebensperspektive. Ich sehe das auch als eine Fortsetzung meiner politischen Arbeit – auf anderem Territorium: Jetzt bin ich in Europa und es haben sich neue Problemfelder aufgetan. Ich bin ja nicht von meinen Mitstreitern hergeschickt worden, um jahrelang im Wald zu schlafen. Dadurch lassen sich auch die verschiedenen Kämpfe miteinander verbinden und in einem großen Rahmen betrach-ten.

Wir kommen ja alle mit verschiedenen kulturellen Hinter-gründen aus allen Teilen der Welt hierher – in die Zentrale der Welt. Hier kommt alles zusammen. Hier haben auch die Pro-bleme der Welt ihren Ausgangspunkt. Aber es bietet uns auch die Möglichkeit, andere Sichtweisen zu verstehen, die Probleme miteinander zu erknüpfen, sich auszutauschen und sogar sen-sibelste Fragen zu erörtern: Fragen der Weltordnung genauso wie Fragen zum Rassismus, Sexismus, Antisemitismus. Wir müssen das, was wir tun, als eine neue, bessere Politik verste-hen: Dass es unsere Pflicht gegenüber der Gesellschaft ist, auf eine demokratisierte Welt hinzuarbeiten, in der es nicht möglich ist, Leute wie uns auf diese Art zu behandeln.

Interviews mit Mitgliedern von The Voice – Refugee Forum, Women in Exile und der Caravan for the Rights of Migrants and Refugees. Namen sind durch Pseudonyme ersetzt.

Die Interviews wurden in englischer Sprache geführt. Interviewer: Ascan Breuer, Julia Lazarus, Lem Stachel
Übersetzung und Montage: Ascan Breuer Website des Films Forst: www.forstfilm.com Website von „The Voice – Refugee Forum“: www.thevoiceforum.org

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Redaktion: Andrea Pollach
Mitarbeit: Carla Hopfner. Korrektur: Tina Spiegl
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