PresseArtikel Archives vom 26.03.25

ND Artikel Zweite
Obduktion im Fall Jalloh Weiter Zweifel nach Tod in Dessauer Zelle
http://www.neues-deutschland.de/artikel.asp?AID=69618&IDC=2&DB=O2P

Obduktion im Fall Jalloh Weiter Zweifel nach Tod in Dessauer Zelle Von Hendrik Lasch, Dessau

Der Leichnam des am 7. Januar in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Flüchtlings Ouri Jalloh soll erneut obduziert werden. Die Untersuchung wurde von einer Initiative veranlasst, der Freunde des 21-jährig ums Leben gekommenen Mannes sowie Immigranten- und Antirassismus-Gruppen angehören. Die ursprünglich für Ostermontag geplante Überführung des Toten in seine Heimat Sierra Leone wurde zunächst ausgesetzt. Die Entscheidung, eine zweite, »unabhängige« Obduktion zu veranlassen, sei im Anschluss an eine Trauerfeier für Jalloh am vergangenen Samstag gefallen, sagte Sprecher Mouctar Bah gestern auf ND-Anfrage. Dabei wurde auch der Sarg geöffnet. Der Anblick des stark entstellten Leichnams habe Zweifel an der Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft verstärkt, erklärte Bah: »Es ist fast nichts mehr da.« Unter Dessauer Flüchtlingen gebe es inzwischen sogar Zweifel, ob eine Überführung überhaupt ratsam sei: »Der Familie ist das kaum zuzumuten.«
Nach offiziellen Erkenntnissen soll Jalloh, der nach seiner Festnahme in einer Zelle an das Bettgestell gefesselt worden war, mit einem bei einer Durchsuchung übersehenen Feuerzeug selbst seine Matratze angezündet haben. Laut Staatsanwaltschaft starb er binnen kürzester Zeit an einem Hitzeschock. Die Dienst habenden Polizisten hatten zu spät reagiert und einen Brandmelder zunächst abgeschaltet. Wegen der Versäumnisse wird gegen zwei Beamte ermittelt. Die Untersuchungen sind auch fast drei Monate nach dem Vorfall noch nicht abgeschlossen.

Die erneute Obduktion soll »bis spätestens Donnerstag« stattfinden, erklärte Mouctar Bah. Sie werde von der Gedenkinitiative finanziert. Diese vermutet, Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung würden »vertuscht«. Bah weist darauf hin, dass Jallohs Anwältin bisher weder die Röntgenbilder noch den Endbericht zur Verfügung gestellt bekommen habe. Bedeutung für einen möglichen Prozess zum Tod des Flüchtling werde die jetzige Obduktion jedoch nicht haben, hieß es bei der Dessauer Opferberatung: »Beweiskraft haben nur Untersuchungen, die von der Staatsanwaltschaft angeordnet wurden«, sagt Mitarbeiter Torsten Steckel.

Zu der Trauerfeier für Jalloh und einer anschließenden Demonstration waren am Samstag rund 200 Menschen nach Dessau gekommen. Die Veranstaltung drohte zu eskalieren, als der Kreisoberpfarrer die Stadt Dessau gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit in Schutz nahm. Nach Unmutsbekundungen von Beteiligten musste er seine Ansprache abbrechen. Auf dem Weg zum Polizeirevier, in dem Jalloh ums Leben kam, wurde zudem ein Polizeiwagen attackiert. Die Flüchtlingsszene, hieß es, sei durch den tragischen Vorfall und dessen schleppende Aufklärung noch immer stark erregt und verunsichert. Bürger oder offizielle Vertreter der Stadt hatten sich an der Trauerfeier kaum beteiligt.

http://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/1882208.html
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kurzen nachrichten-clip!
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4194034_TYP_THE_NAV_REF2,00.html
Nach Tod in Polizeigewahrsam
Trauermarsch für umgekommenen Asylbewerber

Gedenken in Dessau [Bildunterschrift: Rund 200 Menschen gedenken des in einer Dessauer Polizeiwache verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh] Mit einer Trauerfeier und einem Trauerzug haben in Dessau rund 200 Menschen eines in Polizeigewahrsam ums Leben gekommenen Asylbewerbers aus Sierra Leone gedacht. Die Teilnehmer forderten eine unabhängige Untersuchung der Umstände des Todes und Entschädigungszahlungen an die Familie von Oury Jalloh.

Der 21-Jährige war am 7. Januar bei einem Brand im Dessauer Polizeirevier ums Leben gekommen. Zunächst hatte die Polizei den Tod des Afrikaners als Selbstmord dargestellt. Später ergaben Ermittlungen, dass der am Brandtag wegen Belästigung von Frauen festgenommene Afrikaner die Matratze seiner Zelle offenbar selbst angezündet hat - obwohl er an ausgestreckten Händen und Beinen fest angebunden war.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Beamte und hat zwei Gutachten erstellen lassen, die klären sollen, ob sich die Polizisten bei der Beaufsichtigung des Asylbewerbers der schwerern Körperverletzung mit
Todesfolge und fahrlässiger Tötung schuldig gemacht haben.

Dessau
Trauerfeier für Asylbewerber

Rund 200 Menschen haben in Dessau von dem in einer Polizeizelle ums Leben gekommenen Asylbewerber Abschied genommen. Der Leichnam des 21-jährigen Mannes aus Sierra Leone war in der Trauerhalle des Zentralfriedhofs
aufgebahrt worden. Wie MDR 1 RADIO SACHSEN-ANHALT berichtet, spitzte sich die Situation während der Trauerfeier zu. Die Rede des Pfarrers wurde durch laute Zwischenrufe unterbrochen. Dieser hatte erklärt, Dessau tue viel dafür, eine weltoffene Stadt zu sein. Dazu trage auch die Polizei bei. Als der Sarg geöffnet und der verbrannte Leichnam sichtbar wurde, schlug bei einigen Freunden des toten Afrikaners die Trauer in Wut um. Eine Scheibe der Trauerhalle wurde eingeschlagen.

http://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/1882208.html
Rund 200 Menschen nahmen an der Trauerfeier teil; Rechte: MITTELDEUTSCHER
RUNDFUNK

Rund 200 Menschen nahmen an der Trauerfeier teil
Ungeklärte Todesursache
Der Asylbewerber aus Sierra Leone war am 7. Januar festgenommen worden, weil er mehrere Frauen belästigt und Widerstand gegen Polizisten geleistet haben soll. Aus bislang noch ungeklärter Ursache kam er wenig später durch ein Feuer in seiner Zelle ums Leben. Jalloh soll in gefesseltem Zustand das Feuer selbst angezündet haben. Wegen der starken Rauchentwicklung gelangten die Beamten nach Bemerken des Brandes nicht mehr in die Zelle des Afrikaners. Wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge sowie wegen fahrlässiger Tötung ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen drei Polizisten.

Im Vorfeld der Trauerfeier war es zu Missstimmungen zwischen Veranstaltern und der der Stadtverwaltung gekommen. Letztere wies die Darstellung der Initiatoren der Feier zurück, die Stadt habe den Trauerzug untersagt.
zuletzt aktualisiert: 26. März 2005 | 20:00

http://www.e110.de/artikel/detail.cfm?pageid=67&id=67612
Trauermarsch für in Polizeiwache umgekommenen Asylbewerber Dessau (ddp-lsa). Mit einer Trauerfeier und einem Trauerzug haben gestern in Dessau rund 200 Menschen eines in Polizeigewahrsam ums Leben gekommenen Asylbewerbers aus Sierre Leone gedacht. Die Teilnehmer forderten einen Überführungsstopp der sterblichen Überreste bis zur Überprüfung des rechtsmedizinischen Abschlussgutachtens, eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse und Entschädigungszahlungen an die Familie von Oury Jalloh, wie die «Initiative Oury Jalloh» mitteilte.
Der Zug habe sich ohne Probleme in Bewegung gesetzt, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage.
Der 21-Jährige war am 7. Januar bei einem Brand im Dessauer Polizeirevier ums Leben gekommen. Zunächst hatte die Polizei den Tod des Afrikaners als Selbstmord dargestellt. Die Ursache des Brandes ist bisher unklar. Vermutet wird, dass das Feuer mit Hilfe eines Feuerzeugs ausgelöst wurde. Nach den bisherigen Ermittlungen hat der am Brandtag wegen Belästigung von Frauen festgenommene Afrikaner die Matratze seiner Zelle angezündet. Der Mann war an ausgestreckten Händen und Beinen fest
angebunden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unterdessen gegen drei Polizisten wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung.
27.03.2005 SR

http://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/1882208.html
Dessau
Trauerfeier für Asylbewerber
Rund 200 Menschen haben in Dessau von dem in einer Polizeizelle ums
Leben gekommenen Asylbewerber Abschied genommen. Der Leichnam des
21-jährigen Mannes aus Sierra Leone war in der Trauerhalle des
Zentralfriedhofs aufgebahrt worden. Wie MDR 1 RADIO SACHSEN-ANHALT
berichtet, spitzte sich die Situation während der Trauerfeier zu. Die
Rede des Pfarrers wurde durch laute Zwischenrufe unterbrochen. Dieser
hatte erklärt, Dessau tue viel dafür, eine weltoffene Stadt zu sein.
Dazu trage auch die Polizei bei. Als der Sarg geöffnet und der
verbrannte Leichnam sichtbar wurde, schlug bei einigen Freunden des
toten Afrikaners die Trauer in Wut um. Eine Scheibe der Trauerhalle
wurde eingeschlagen.

Ungeklärte Todesursache
Der Asylbewerber aus Sierra Leone war am 7. Januar festgenommen worden,
weil er mehrere Frauen belästigt und Widerstand gegen Polizisten
geleistet haben soll. Aus bislang noch ungeklärter Ursache kam er wenig
später durch ein Feuer in seiner Zelle ums Leben. Jalloh soll in
gefesseltem Zustand das Feuer selbst angezündet haben. Wegen der starken
Rauchentwicklung gelangten die Beamten nach Bemerken des Brandes nicht
mehr in die Zelle des Afrikaners. Wegen des Verdachts der
Körperverletzung mit Todesfolge sowie wegen fahrlässiger Tötung
ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen drei Polizisten.

Im Vorfeld der Trauerfeier war es zu Missstimmungen zwischen
Veranstaltern und der Stadtverwaltung gekommen. Letztere wies die
Darstellung der Initiatoren der Feier zurück, die Stadt habe den
Trauerzug untersagt.

http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0%2C1185%2COID4194034_REF2%2C00.html

Nach Tod in Polizeigewahrsam
Trauermarsch für umgekommenen Asylbewerber

Mit einer Trauerfeier und einem Trauerzug haben in Dessau rund 200 Menschen eines in Polizeigewahrsam ums Leben gekommenen Asylbewerbers aus Sierra Leone gedacht. Die Teilnehmer forderten eine unabhängige
Untersuchung der Umstände des Todes und Entschädigungszahlungen an die Familie von Oury Jalloh.
Der 21-Jährige war am 7. Januar bei einem Brand im Dessauer Polizeirevier ums Leben gekommen. Zunächst hatte die Polizei den Tod des Afrikaners als Selbstmord dargestellt. Später ergaben Ermittlungen, dass
der am Brandtag wegen Belästigung von Frauen festgenommene Afrikaner die Matratze seiner Zelle offenbar selbst angezündet hat - obwohl er an ausgestreckten Händen und Beinen fest angebunden war.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Beamte und hat zwei Gutachten erstellen lassen, die klären sollen, ob sich die Polizisten bei der Beaufsichtigung des Asylbewerbers der schweren Körperverletzung
mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung schuldig gemacht haben.

http://www.jungewelt.de/2005/03-29/017.php

29.03.2005
Dessau: Demonstration im Gedenken an Oury Jalloh
Inland Andreas Siegmund-Schultze

Dessau: Demonstration im Gedenken an Oury Jalloh Aufklärung über die Todesumstände des Asylbewerbers in Polizeigewahrsam gefordert In Dessau (Sachsen-Anhalt) versammelten sich am Sonnabend rund 200 Menschen, um des 21jährigen Oury Jalloh, der am 7. Januar auf einem Polizeirevier ums Leben kam, zu gedenken. Im Anschluß an eine Trauerfeier auf dem Dessauer Zentralfriedhof formierte sich eine Spontandemonstration. Vor dem Polizeirevier, in dem der afrikanische Asylbewerber unter noch immer nicht geklärten Umständen starb, stoppten die Teilnehmer zu einer Kundgebung.

Jalloh soll nach Informationen der ermittelnden Staatsanwaltschaft Selbstmord begangen haben, indem er die Matratze in seiner Zelle mit einem Feuerzeug anzündete und nach Ausbruch des Feuers einem Hitzeschock erlag. Der junge Mann aus Sierra Leone war allerdings zuvor von Polizeibeamten auf einer feuersicheren Pritsche »fixiert«, also an Händen und Füßen gefesselt worden. Gegen zwei beteiligte Beamte wird inzwischen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und gegen den Dienstgruppenleiter wegen schwerer Körperverletzung ermittelt (junge Welt berichtete).

Auf Transparenten forderten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration am Samstag »Aufklärung, Entschädigung und Gerechtigkeit«. Mehrere Redner sprachen von der Notwendigkeit einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung des Todes von Jalloh. Sie wandten sich auch gegen eine Überführung der Leiche nach Sierra Leone, bevor ein rechtsmedizinisches Abschlußgutachten vorliege.

Trauerfeier endet mit Eklat
Demonstration: Forderung nach Gerechtigkeit für Oury Jallow

Dessau/MZ/hk.
Kreisoberpfarrer Joachim Diestelkamp hatte das
nicht erwartet. Seine als Versöhnung gedachten Worte waren ins Leere gesprochen. Während einer Trauerfeier für den im Januar in einer Dessauer Polizeizelle durch einen Brand ums Leben gekommenen Oury
Jallow hatte der Pfarrer am Sonnabend am Sarg des Asylbewerbers aus Sierra Leone und vor zirka 250 Menschen auf dem Zentralfriedhof der Muldestadt seiner Betroffenheit Ausdruck gegeben. Er wandte sich gegen Fremdenhass, forderte umfassende Aufklärung aber auch die Abkehr von Gewalt und Spekulationen.
Doch seine Worte erzeugten Ablehnung. Lautstark unterbrachen
einige Trauergäste den Pfarrer und verließen wutentbrannt die Trauerhalle. Als kurz darauf der Sarg geöffnet wurde, gab es kein Halten mehr. Eine Scheibe wurde eingeworfen und Thomas Veil, der für Ausländerfragen zuständige Abteilungsleiter im Innenministerium Sachsen-Anhalts, heftig verbal attackiert. Veil hatte zuvor vor den Versammelten sein Bedauern über die Geschehnisse geäußert. Im Anschluss an die Trauerfeier organisierten Mitglieder einer
deutschlandweiten Bewegung von Flüchtlingen und Migranten einen Trauermarsch durch Dessau, der vor dem Polizeirevier endete - dort, wo Jallow ums Leben gekommen war. Sie forderten erneut Aufklärung und Gerechtigkeit. Unterdessen dauern die Ermittlungen der
Staatsanwaltschaft an.
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Zentrale Fragen bleiben noch unbeantwortet
Sechs Minuten bis zum Hitzetod - Massive Drohungen gegen die Justiz

Dessau/MZ.
Auch sechs Wochen nach dem Tod eines
Asylbewerbers im Dessauer Polizeigewahrsam bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. "Es ist möglich, dass wir nicht alles restlos klären können", so der Chef der Staatsanwaltschaft Dessau, Folker Bittmann. Er kündigte "intensivste Bemühungen" an. Definitiv fest stehe bisher lediglich, "dass es keinerlei Hinweise auf eine vorsätzliche Tat gibt". Nach der durch Bittmann vorgetragenen Chronologie der Ereignisse
war Oury Jallow am 7. Januar gegen 8.30 Uhr in der Zelle inhaftiert und sein Verbleib dort bis elf Uhr mehrmals kontrolliert worden. Kurz vor zwölf Uhr sei die Wechselsprechanlage im Obergeschoss kurzzeitig leise gestellt worden, weil sich die beiden Beamten durch den lärmenden Mann belästigt fühlten. Als ab 12.04 Uhr der zweifelsfrei einsatzfähige Brandmelder auslöste, habe der Dienstgruppenleiter nicht reagiert und den Melder ausgedrückt. Als Begründung sei angegeben worden, dass der Brandmelder in der Vergangenheit 20 bis 30 Mal falsch ausgelöst habe. Zudem seien die Geräusche zunächst als "Plätschern" wahrgenommen worden. Später eingeleitete Rettungsversuche seien dann erfolglos gewesen.
In der Zelle sei es bis zu 345 Grad Celsius heiß gewesen. Maximal sechs Minuten habe es gedauert, bis der Mann dann einen Hitzeschock erlitten und daran gestorben sei. Zu der Frage, ob der Gefangene auf den Besitz eines Feuerzeuges untersucht worden sei, würden die Beamten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, so Bittmann.
Der ermittelnde Staatsanwalt Christian Preissner verwies darauf,
dass die Matratze, auf der der Asylbewerber mit Handschellen fixiert gewesen sei, aus einem schwer entflammbaren Kunstleder bestanden habe. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass sie beschädigt gewesen sei und über die Naht entzündet wurde.
Die Pressekonferenz selbst fand unter strengen
Sicherheitsvorkehrungen statt. Ursache dafür ist ein bei der Behörde eingegangenes anonymes Schreiben einer "Interessengemeinschaft, die sich für Gerechtigkeit einsetzt". In dem Schreiben, dessen Inhalt nun durch das Landeskriminalamt geprüft wird, heiß es, dass man die Justiz "mit außergewöhnlichen Methoden" auf ihre Pflichten hinweisen werde und dass der Ermittler im Falle erfolgloser Recherchen das "Schicksal des Opfers" teilen werde. Während das Innenministerium am Dienstag eine Arbeitsgruppe zur Überprüfung der allgemeinen Gewahrsamspraxis einsetzte, wird sich der Landtag am Mittwoch mit den Vorgängen beschäftigen. PDS-Fraktionschef Wulf Gallert forderte die Suspendierung aller drei Polizeibeamten. Außerdem müsse die Verantwortlichkeit von Justiz- und Innenminister geklärt werden.

ADR: Nach Tod in Polizeigewahrsam

Mit einer Trauerfeier und einem Trauerzug haben in Dessau rund 200 Menschen eines in Polizeigewahrsam ums Leben gekommenen Asylbewerbers aus Sierra Leone gedacht. Die Teilnehmer forderten eine unabhängige Untersuchung der Umstände des Todes und Entschädigungszahlungen an die Familie von Oury Jalloh.
Der 21-Jährige war am 7. Januar bei einem Brand im Dessauer Polizeirevier ums Leben gekommen. Zunächst hatte die Polizei den Tod des Afrikaners als Selbstmord dargestellt. Später ergaben Ermittlungen, dass der am Brandtag wegen Belästigung von Frauen festgenommene Afrikaner die Matratze seiner Zelle offenbar selbst angezündet hat - obwohl er an ausgestreckten Händen und Beinen fest angebunden war.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Beamte und hat zwei Gutachten erstellen lassen, die klären sollen, ob sich die Polizisten bei der Beaufsichtigung des Asylbewerbers der schwerern Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung schuldig gemacht haben.
Stand: 27.03.2005 03:09 Uhr

Von Indymedia: http://de.indymedia.org/2005/03/110270.shtml

"Scheisse Dessau!"

von cotopaxi sound - 26.03.2005 22:36

In Dessau fand heute die Trauerfeier für Oury Jallow statt. Der 21-jährige Flüchtling aus Sierra Leone war am 7.Januar 2005 im Polizeigewahrsam in Dessau verbrannt. Im Anschluß an die Trauerfeier bewegte sich eine Demo mit etwa 200 Menschen durch Dessau und forderte die Aufklärung des Todes von Oury Jallow und ein Ende der rassistischen Polizeigewalt.

Kurze Rückblende:

Am 7.Januar 2005 wird Oury Jallow in Dessau in Polizeigewahrsam genommen. Ihm wird vorgeworfen, Frauen belästigt zu haben, aus "Sicherheitsgründen" wird er nach der Durchsuchung in seiner Zelle mit Handschellen an Händen und Füßen an das Bett gefesselt. Die Durchsuchung muss sehr oberflächlich gewesen sein und andere mysteriöse Faktoren im Spiel gewesen sein, denn laut Polizeiangaben schafft es Jallow, seine nicht brennbare Matratze in Brand zu setzen, obwohl er am Bett fixiert ist. Die anwesenden Polizisten ignorieren die Gegensprechanlage und den Feuermelder. Oury Jallow verbrennt bei lebendigem Leibe.

Trauerfeier:

Heute fand auf dem Dessauer Friedhof die Trauerfeier für Jallow statt. An die 200 Menschen hatten sich zusammengefunden, größtenteils Flüchtlinge aus Brandenburg und anderen Gegenden, einige wenige deutsche AktivistInnen und auch ein Vertreter des Innenministeriums und der Dessauer Oberpfarrer, der später noch eine unrühmliche Rolle spielen sollte.
Die Leiche Jallows war im geschlossenen Sarg neben den Rednern aufgebahrt, nach einer einleitenden Trauermusik nahm ein Teil der Trauergäste an einem islamischen Trauergebet teil, danach wurden von Vertretern verschiedener Gruppen Reden gehalten. Die Stimmung war getragen, die Presse gut Vertreten,
unter anderem war ein von Filmteam vom ZDF anwesend. Unter anderem sprachen ein Vertreter der Dessauer Gemeinde, der Bruder Oury Jallows und ein Vertreter der Berliner Flüchtlingsplattform. In den raueransprachen wurde deutlich auf die Weise zu sprechen gekommen, in der Jallow, vor den Kriegen
Westafrikas geflohen, im deutschen Polizeigewahrsam starb. Der Beitrag der Flüchtlingsplattform ist unten dokumentiert. Nach einer Schweigeminute ergriff ein Vertreter des Innenministeriums, der Vertreter des
Staatssekretärs, Herr Veil das Wort und schaffte es aus bemerkenswerte Weise, die Ignoranz und Plumpheit deutscher Bürokratie darzustellen. Er sagte sinngemäß, dass er als Vertreter des Innenministeriums hier sei, um die Betroffenheit der Behörde auszudrücken, und das sei "der einzige Grund".

Das allerdings war noch sehr freundlich im Vergleich zu den peinlichen Versuchen, Dessau vom Makel des Labels "fremdenfeindlich" reinzuwaschen, in denen sich der Oberpfarrer Dessaus erging, der danach sprach. Nach einigen Floskelsätzen über die Betroffenheit und die Gleichheit aller Menschen vor Gott entblödete sich der Pfarrer nicht, vor den Angehörigen und Freunden Jallows, vor AktivistInnen und Flüchtlingen wieder und wieder zu wiederholen, das Dessau keine fremdenfeindliche Stadt sei. Einige Menschen verließen den Trauersaal, als er sagte, daß "jeder Dessauer versucht, die Ausländer zu integrieren". Seine ganze Rede scherte sich einen Scheissdreck um den Tod Jallows, um die Schmerzen seiner Angehörigen und um die
Ungerechtigkeit eines rassistischen Alltags. Es ging ihm einzig und allein um das Bild Dessaus. Seine einzige Sorge, die aus dem Tod von Jallow entsteht, ist die um die öffentliche Wahrnehmung Dessaus. Der Gipfel war erreicht als er sich anmaßte, die Freunde und Angehörigen Jallows indirekt aufzufordern, ruhig zu bleiben und keine Vorwürfe zu erheben. Das Zitat sinngemäß: "Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, und wir sollten voreilige Schlußfolgerungen vermeiden, denn sie heizen die Atmosphäre nur an." Diese unglaubliche Frechheit, im Bewußtsein der Art und Weise, wie Jallow starb, nämlich lebendig zu verbrennen den Begriff "anheizen" zu benutzen, steht exemplarisch für eine deutsche Verwaltung und Gesellschaft,
die sich in guter alter Tradition im Ausschließen, Wegsehen und Vergessen
übt.
Bald nach dem genannten Zitat wurde der Pfarrer endlich durch einen Zwischenruf unterbrochen, der ihn aufforderte, zu verschwinden. Er folgte nach einem kurzen Moment der Verwirrung der Aufforderung und wurde vor dem Ausgang der Trauerhalle von aufgebrachten Trauergästen mit dem Vertreter des Innenministeriums beschimpft und verließ schnell das Gelände.
Es wurde nun die Trauerfeier beendet und es war allen Gästen frei gestellt, sich am nun geöffneten Sarg von Jallow zu verabschieden. Einige Menschen taten dies (die AutorIn diese Beitrags nicht) und vor dem Ausgang des Trauersaals spielten sich nun ergreifende Szenen ab. Nach der "Verabschiedung" der beiden deutschen Herren waren einige Menschen nach der Betrachtung des völlig entstellten Körpers Jallows völlig außer sich vor Trauer und Entsetzen. Es kam zu Streitigkeiten darüber, wie nun weiter vorgegangen werden sollte, glücklicherweise wurde sich ziemlich schnell geeinigt.

Demo:

Vom Bahnhofsvorplatz ging nun eine sehr emotionale und chaotische Demo los.
Wiederum etwa 200 Menschen gingen, mit drei Tranpis und vielen Flyern, die den wenigen anwesenden DessauerInnen in die Hände gedrücktr wurden, zwei Stunden lang durch Dessau. Dabei bekam sowohl die zurückhaltend anwesende Polizei als auch Dessauer BürgerInnen zu spüren, was an Wut und Trauer in
den Herzen der Demonstrierenden vorhanden war. Kurz nach Beginn der Demo ging die Spitze schnell und laut skandierend auf einen auf einer Rasenfläche postierten Streifenwagen zu. Die offensichtlich verängstigten BeamtInnen verzogen sich schnell in ihr Auto, dass nun umlagert, bespuckt und dem auch einige Teile abgetreten wurden. Die Stimmung war äußerst aufgeheizt, emotional, gut. Es war deutlich zu spüren, dass hier Menschen, die sonst bis zur ihrer Abschiebung in menschenunwürdigen Sammellagern eingesperrt sind und von dieser Gesellschaft nichts als Verachtung und Bedrohung in Antwort auf ihre Bitte um Hilfe bekommen, einen Moment des Agierens gewonnen hatten.
Das war auf der ganzen Demo immer wieder zu spüren.
Beim Verteilen der Flyer trafen wir auf ein geteiltes Echo: Kommentare wie "Gut, dass ihr das macht" und unangenehm berührte "Ach ja, das..." wechselten sich mit "Ach, hau ab!" und "Na ja, er war ja in
Polizeigewahrsam, also muss er ja irgendwas gemacht haben!" ab.
Nachdem die Polizei kurzzeitig einschreiten musste um eine Dessauerin zu schützen, die die Demo vom Bürgersteig beschimpft und angeschrien hatte und der ziemlich ruppig gezeigt wurde, dass die Flüchtlinge sich heute nichts gefallen lassen, fand vor dem Polizeirevier, in dem auch Oury Jallow starb, eine Zwischenkundgebung statt. Hier fiel aus der Demo auch der Satz, der diesem Artikel den Titel gab und exemplarisch für die Situation vor Ort gelten kann: "Scheisse Dessau!"
Der Redebeitrag der Flüchtlingsplattform wurde noch einmal gehalten und es war kein Spaß, sich die Gesichter der PolizistInnen anzuschauen, die das Revier schützten. Mittlerweile mit fünf oder sechs Wannen im Schlepptau ging die Demo wieder zurück zum Bahnhof und löste sich dort auf.

So endete ein ergreifender und bewegender Demotag. Für die AutorIn bedeutete er einen der ergreifendsten überhaupt und trotz des grauenvollen Anlasses war es eine Freude, an einer solchen Aktion teilzunehmen. Hier hatte mensch das Gefühl, an einer konkreten politischen Handlung teilzunehmen und keine Pseudo-Kämpfe und -Diskurse mittelständischer Kids und Twens mitverfolgen zu müssen.

Also auf zur Mini-Lager-Action-Tour vom 1.-3.April und zum Aktionstag am 2.April!

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Hier der Redebeitrag der Plataforma:

Wir sind heute hier vesammelt um dem Leben und dem Tod Oury Jalloh zu gedenken. Wir sind hier, um unseren Respekt zu bekunden für einen Menschen der für viele Bruder und Freund war. Jetzt, ist er nicht mehr unter uns.

Es ist sehr schwer Worte zu finden die das beschreiben was sich am 7. Januar 2005 zugetragen hat. Für viele von uns, die wir aus den Ländern der sogenannten 3. Welt kommen, ist klar, das der Tod Oury Jallohs jeden und jede von uns hätte treffen können. In einer Gesellschaft mit so vielen rassistischen Kontrollen, Missbrauch und Gewalt scheint es nur eine Frage davon zu sein, sich als falsche Person, zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden.

Genau wie für euch, sind auch für uns noch viele Fragen zum Tod Oury Jalloh's offen. Es gibt zu viele Widersprüche und Versuche die Wahrheit zu vertuschen. Sogar die deutsche Kriminalpolizei sagt zu den Untersuchungen in diesem Fall: “Hier wurde der Anschein einer gleichgültigen und unfähigen Polizei erweckt.³ Wenn Sie das schon selbst sagen, was sollen wir dann denken.

Oury, ein Flüchtling in diesem Land ist Tod. Als Flüchtling geboren und als Flüchtling gestorben. Sein ganzes Leben Flüchtling. Mit in sein Grab nimmt er den Status der ihm zugewiesen wurde, weil er Schutz vor Verfolgung suchte: die Duldung.

Aber Oury war nicht alleine. Er war einer von vielen Flüchtlingen die gestorben sind weil sie gezwungen wurden, auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrem Land zu flüchten.
Weil sie etwas zu essen wollten oder -Oury war erst 21 Jahre alt- studieren.
Aus Gründen, die wir nicht verstehen wird dies von vielen Europäischen Regierungen und ihren Bürgern als Verbrechen betrachtet. Flüchtlinge, die Schutz suchen, werden als Kriminelle behandelt. Und Menschen, die von der Gesellschaft kriminalisiert sind, werden ihrer Rechte und Würde beraubt.
Flüchtlinge sind Menschen, für die Chancen und Respekt Fremdworte bleiben, denen jede reale Bedeutung fehlt. Besonders hier. Besonders in Deutschland, wo wir isoliert und von der Gesellschaft ausgeschlossen sind.

Es ist wieder Frühling in Europa. Der Wind dreht sich, das Wetter wird wärmer und das Mittelmeer beruhigt sich. Das bedeutet neue Möglichkeiten für die europäischen Touristen, vor allem aber, dass wieder mehr tote Körper an den Küsten der Festung Europa angespült werden. Symbole eines Traums, der auf der Reise starb. Es sind Zehntausende, einige tot und einige, die es schaffen, noch einen Tag zu überleben. Sie riskieren ihr Leben, um hierher zu kommen und wofür?

Was ist der Preis um die Küsten der Festung Europa zu erreichen? Welchen Preis zahlte Oury Jalloh um hierherzukommen, seine Flucht überlebend, nur um im Paradies lebendig zu verbrennen? Und seine Familie? Welche Gedanken kamen ihnen in den Kopf? Hatte ihr Sohn es nach Europa geschafft? Würde ihr Sohn Oury endlich die Chance haben, mehr zu sein als ein Flüchtling? Würde er Bildung und Arbeit finden? Würde er letztendlich den Ort von Zivilisation,Fortschritt und Möglichkeiten erreichen?

Glaubt Ihr, das Oury seiner Familie von den Bedingungen erzählt hat in denen er gezwungen wurde als Flüchtling zu leben? Erzählte er ihnen von Duldung und Heimen, Residenzpflicht und Abschiebung? Erzählte er ihnen, das er oft kontrolliert und misshandelt wurde, weil er schwarz war? Das ihm die Möglichkeit zu arbeiten, zu studieren, sich frei zu bewegen und deutsch zu lernen verweigert wurde? Erzählte er ihnen, das die einzige Möglichkeit, die ihm gelassen wurde war im Heim zu sitzen -zu essen und zu schlafen, zu essen und zu schlafen bis der Abschiebebescheid kam und seine Duldung endete.
Erzählte er ihnen, dass er abgeschoben werden würde oder -noch einmal!- fliehen müsste um zu überleben?

Jetzt ist es zu spät. Oury Jalloh hat nicht überlebt. Er starb in einer Gefängniszelle in einer Stadt namens Dessau. Oury starb; er verbrannte bei lebendigem Leib, mit Händen und Füssen ans Gefängnisbett gefesselt.

Wir sind heute auch hier mit Worten an euch alle, die heute hier sind. Wir sind hier um euch zu sagen, dass diese Situation nicht weiter bestehen darf und dass wir nicht mehr schweigen werden im Angesicht von solcher systematischer und verbreiteter Unmenschlichkeit.

Hiermit rufen wir die deutsche Gesellschaft und die deutsche Regierung auf:
Stoppt die Gewalt!
Die Ausgrenzung, die Kriminalisierung und die rassistischen Kontrollen müssen aufhören!
Hört auf, Menschen wegen der Farbe ihrer Haut oder ihrer Pässe wie Kriminelle zu behandeln!
Beendet diese Ungerechtigkeit!

Den anderen Flüchtlingen und Migrantinnen möchten wir heute sagen: Der einzige Weg, um Oury Jalloh aufrichtig zu ehren/gedenken besteht darin, alles in unserer Macht stehende zu tun, um so etwas nicht nochmal geschehen zu lassen.Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, um unsere Furcht zu überwinden und aus unserer Isolation auszubrechen.

Um Oury Jalloh unseren aufrichtigen Respekt zu bekunden, müssen wir versuchen, dass sein ungerechter Tod etwas Positives bewirkt: Dass wir gemeinsam sagen: Genug! Genug Gewalt! Genug Ungerechtigkeit!

Und noch ein letztes Wort: Der palestinensische Dichter Muhammad Aziz al-Hababi schrieb in seinem Gedicht “Wie lange noch?³:
“Wann werden wir die Früchte unseres Landes und die süsse unseres Himmels geniessen können? Wann wird die Sonne einen Platz in unseren Herzen finden?
Wird dieser Tag kommen? Genauso für alle anderen? Alle Menschen suchen Frieden. Wir ziehen es vor, gegen den Tod der uns erblinden lässt, zu kämpfen.[...] Jeden Tag, ohne Unterlass! Auch wir glauben dass dies ein
Kampf gegen diese Kultur, gegen diese Logik des Krieges und des Todes, gegen diese Logik der historischen Ungerechtigkeit ist. Wenn wir das in unseren Herzen bewahren, ist dies etwas, was wir gemeinsam gestalten können.

http://www.taz.de/pt/2005/03/26/a0128.nf/text
in kürze

GETÖTETER ASYLSUCHENDER
Trauerzug in Dessau
Der Anfang Januar im Polizeigewahrsam getöteten Oury Jalloh soll heute mit einem Trauerzug durch die Stadt verabschiedet werden. Bei einem Treffen mit der Initiative zum Gedenken an den 21-Jährigen hat die Versammlungsbehörde am Donnerstag eine Genehmigung des Zuges durch die Innenstadt zugesagt. (epd)
taz Nr. 7624 vom 26.3.2005, Seite 8, 12 Zeilen (Agentur)