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Die sitzen das aus« NDR-»Tatort« knüpft an Fall des in Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh an

Demonstration anlässlich des zehnten Todestages von Oury Jalloh in Dessau Roßlau im Januar 2015
Foto: Jens Wolf/dpa-Bildfunk

Die sitzen das aus«
NDR-»Tatort« knüpft an Fall des in Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh an
Von Susan Bonath

Ein falscher Verdacht, eine Festnahme: Ein Flüchtling wird von zwei Polizisten geschlagen und verhaftet. Stunden später verbrennt er bei lebendigem Leib in einer Zelle. Der geduldete Afrikaner, Vater eines Kindes, kann sich nicht wehren. Er ist nicht nur verletzt und stark alkoholisiert, sondern auch an Händen und Füßen gefesselt. Der NDR-»Tatort« »Verbrannt«, erstmals ausgestrahlt am Sonntag abend in der ARD, greift Details des Feuertodes von Oury Jalloh am 7. Januar 2005 im Polizeirevier Dessau auf: Beamte reagieren zögerlich auf den Feueralarm. Die Feuerwehr findet eine völlig verkohlte Leiche, deren Zustand der kurzen Branddauer widerspricht. Ein Feuerzeug soll auf mysteriöse Weise in die Zelle gelangt sein, mit dem sich der Gefesselte selbst entflammt haben soll. Da decken sich Polizeibeamte gegenseitig, schweigen, vertuschen, rassistische Sprüche fallen. Dies sei »dramaturgisch völlig überzeichnet«, befand die Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen am Montag.

»In Sachsen-Anhalt reicht der Korpsgeist noch viel weiter über die Reviermauern hinaus«, sagte hingegen Mouctar Bah, Gründer der »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh«, gegenüber jW. Im Film lösen zwei Bundespolizisten den Fall rasch: Als Täter entpuppt sich ein junger Polizist, den Kollegen zu der »Mutprobe« angestiftet haben. Anders als in der Realität fehlen die Parts der Staatsanwälte, der Justiz und der Politik völlig: Das Innenministerium, damals unter Leitung von CDU-Minister Klaus Jeziorsky, meldete kurz nach dem Brand einen Selbstmord. In zwei Gerichts- und zwei Revisionsprozessen ging es nur um den Vorwurf fahrlässiger Tötung. Mögliche Täter wurden nie gesucht. Beamte sprachen sich vor Verhandlungen ab, widerriefen brisante Aussagen, ließen Beweismittel verschwinden. Die Staatsanwaltschaft weigerte sich 2005, die Leiche röntgen zu lassen. Das holte die Initiative auf eigene Kosten nach: Frankfurter Mediziner stellten Schädelfrakturen fest. Andere Befunde lieferten später Indizien dafür, dass der 36jährige vor dem Ausbruch des Brandes wohl bewusstlos war. An dem Feuerzeugrest, der erst auf Druck der Nebenklage untersucht wurde,waren keine Spuren vom Tatort festzustellen.

Von einer »Tat« will der Dessauer Oberstaatsanwalt Christian Preissner aber nicht sprechen. Es stehe »nicht fest, ob eine solche begangen wurde«, teilte er auf jW-Nachfrage am Freitag mit. Auch sei die Annahme falsch, dass ein von seiner Behörde im April 2014 bekanntgegebenes Todesermittlungsverfahren anlässlich eines von der Initiative beauftragten und im November 2013 vorgestellten Brandgutachtens eingeleitet wurde. Jene Ausführungen des Sachverständigen Maksim Smirnou, nach denen ein solches Feuer nicht ohne Brandbeschleuniger hätte entstehen können, hatten Preissners Vorgesetzten Folker Bittmann vor der Kamera von »neuen, ernsten, zum Teil erschreckenden Informationen« sprechen lassen. Damals schrieb die Behörde, im Gegensatz zu heute, dass vor allem das Gutachten den weiteren Klärungsbedarf aufgeworfen habe. Ferner heißt es: Eine Untersuchung des Matratzenschutts, die am Tatort nie veranlasst worden war, habe keine Hinweise auf Brandbeschleuniger geliefert. Was seitdem weiter ermittelt wurde: Keine Auskunft. Auch »Einzelheiten weiterer Versuche stehen noch nicht fest«.

So ist die Initiative erneut selbst tätig geworden. Um ein drittes Gutachten zu bezahlen, sammelt sie derzeit Spenden. Bereits am 27. Oktober will sie dieses von den beauftragten Toxikologen, Gerichtsmedizinern, Pathologen und Brandexperten im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte vorstellen lassen. Ob die Staatsanwaltschaft daran teilnimmt? Preissner sei davon nichts bekannt, erklärte er. Mouctar Bah findet das »seltsam«. Denn dafür habe die Anwältin der Opferfamilie, Gabriele Heinecke, eigens diverse Unterlagen von der Staatsanwaltschaft beantragt, bisher aber nicht erhalten. »Die sitzen das einfach aus«, glaubt Bah. Im »Tatort« jedenfalls konnten die Kommissare den Fall aufklären.
https://www.jungewelt.de/2015/10-13/028.php