Nach Tod in Polizeigewahrsam
Wir sind heute hier vesammelt um dem Leben und dem Tod Oury Jalloh zu gedenken. Wir sind hier, um unseren Respekt zu bekunden für einen Menschen der für viele Bruder und Freund war. Jetzt, ist er nicht mehr unter uns.
Es ist sehr schwer Worte zu finden die das beschreiben was sich am 7. Januar 2005 zugetragen hat. Für viele von uns, die wir aus den Ländern der sogenannten 3. Welt kommen, ist klar, das der Tod Oury Jallohs jeden und jede von uns hätte treffen können. In einer Gesellschaft mit so vielen rassistischen Kontrollen, Missbrauch und Gewalt scheint es nur eine Frage davon zu sein, sich als falsche Person, zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden.
Genau wie für euch, sind auch für uns noch viele Fragen zum Tod Oury Jalloh's offen. Es gibt zu viele Widersprüche und Versuche die Wahrheit zu vertuschen. Sogar die deutsche Kriminalpolizei sagt zu den Untersuchungen in diesem Fall: “Hier wurde der Anschein einer gleichgültigen und unfähigen Polizei erweckt.³ Wenn Sie das schon selbst sagen, was sollen wir dann denken.
Oury, ein Flüchtling in diesem Land ist Tod. Als Flüchtling geboren und als Flüchtling gestorben. Sein ganzes Leben Flüchtling. Mit in sein Grab nimmt er den Status der ihm zugewiesen wurde, weil er Schutz vor Verfolgung suchte: die Duldung.
Aber Oury war nicht alleine. Er war einer von vielen Flüchtlingen die gestorben sind weil sie gezwungen wurden, auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrem Land zu flüchten.
Weil sie etwas zu essen wollten oder -Oury war erst 21 Jahre alt- studieren.Aus Gründen, die wir nicht verstehen wird dies von vielen Europäischen Regierungen und ihren Bürgern als Verbrechen betrachtet. Flüchtlinge, die Schutz suchen, werden als Kriminelle behandelt. Und Menschen, die von der Gesellschaft kriminalisiert sind, werden ihrer Rechte und Würde beraubt. Flüchtlinge sind Menschen, für die Chancen und Respekt Fremdworte bleiben, denen jede reale Bedeutung fehlt. Besonders hier. Besonders in Deutschland, wo wir isoliert und von der Gesellschaft ausgeschlossen sind.
Es ist wieder Frühling in Europa. Der Wind dreht sich, das Wetter wird wärmer und das Mittelmeer beruhigt sich. Das bedeutet neue Möglichkeiten für die europäischen Touristen, vor allem aber, dass wieder mehr tote Körper an den Küsten der Festung Europa angespült werden. Symbole eines Traums, der auf der Reise starb. Es sind Zehntausende, einige tot und einige, die es schaffen, noch einen Tag zu überleben. Sie riskieren ihr Leben, um hierher zu kommen und wofür?
Was ist der Preis um die Küsten der Festung Europa zu erreichen? Welchen Preis zahlte Oury Jalloh um hierherzukommen, seine Flucht überlebend, nur um im Paradies lebendig zu verbrennen? Und seine Familie? Welche Gedanken kamen ihnen in den Kopf? Hatte ihr Sohn es nach Europa geschafft? Würde ihr Sohn Oury endlich die Chance haben, mehr zu sein als ein Flüchtling? Würde er Bildung und Arbeit finden? Würde er letztendlich den Ort von Zivilisation,Fortschritt und Möglichkeiten erreichen?
Glaubt Ihr, das Oury seiner Familie von den Bedingungen erzählt hat in denen er gezwungen wurde als Flüchtling zu leben? Erzählte er ihnen von Duldung und Heimen, Residenzpflicht und Abschiebung? Erzählte er ihnen, das er oft kontrolliert und misshandelt wurde, weil er schwarz war? Das ihm die Möglichkeit zu arbeiten, zu studieren, sich frei zu bewegen und deutsch zu lernen verweigert wurde? Erzählte er ihnen, das die einzige Möglichkeit, die ihm gelassen wurde war im Heim zu sitzen -zu essen und zu schlafen, zu essen und zu schlafen bis der Abschiebebescheid kam und seine Duldung endete.
Erzählte er ihnen, dass er abgeschoben werden würde oder -noch einmal!- fliehen müsste um zu überleben?
Jetzt ist es zu spät. Oury Jalloh hat nicht überlebt. Er starb in einer Gefängniszelle in einer Stadt namens Dessau. Oury starb; er verbrannte bei lebendigem Leib, mit Händen und Füssen ans Gefängnisbett gefesselt.
Wir sind heute auch hier mit Worten an euch alle, die heute hier sind. Wir sind hier um euch zu sagen, dass diese Situation nicht weiter bestehen darf und dass wir nicht mehr schweigen werden im Angesicht von solcher systematischer und verbreiteter Unmenschlichkeit.
Hiermit rufen wir die deutsche Gesellschaft und die deutsche Regierung auf:
Stoppt die Gewalt!
Die Ausgrenzung, die Kriminalisierung und die rassistischen Kontrollen müssen aufhören!
Hört auf, Menschen wegen der Farbe ihrer Haut oder ihrer Pässe wie Kriminelle zu behandeln!
Beendet diese Ungerechtigkeit!
Den anderen Flüchtlingen und Migrantinnen möchten wir heute sagen: Der einzige Weg, um Oury Jalloh aufrichtig zu ehren/gedenken besteht darin, alles in unserer Macht stehende zu tun, um so etwas nicht nochmal geschehen zu lassen.Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, um unsere Furcht zu überwinden und aus unserer Isolation auszubrechen.
Um Oury Jalloh unseren aufrichtigen Respekt zu bekunden, müssen wir versuchen, dass sein ungerechter Tod etwas Positives bewirkt: Dass wir gemeinsam sagen: Genug! Genug Gewalt! Genug Ungerechtigkeit!
Und noch ein letztes Wort: Der palestinensische Dichter Muhammad Aziz al-Hababi schrieb in seinem Gedicht “Wie lange noch?³:
“Wann werden wir die Früchte unseres Landes und die süsse unseres Himmels geniessen können? Wann wird die Sonne einen Platz in unseren Herzen finden?
Wird dieser Tag kommen? Genauso für alle anderen? Alle Menschen suchen Frieden. Wir ziehen es vor, gegen den Tod der uns erblinden lässt, zu kämpfen.[...] Jeden Tag, ohne Unterlass! Auch wir glauben dass dies ein Kampf gegen diese Kultur, gegen diese Logik des Krieges und des Todes, gegen diese Logik der historischen Ungerechtigkeit ist. Wenn wir das in unseren Herzen bewahren, ist dies etwas, was wir gemeinsam gestalten können.